Einführung


Richard Fuchs – Wenn Farbe Raum und Zeit verdichtet

Ursprünge im Bühnenbild

In den 90er Jahren fertigte Richard Fuchs verschiedene Bühnenbilder für das Theater an. Hier ging es darum, im Hintergrund die Atmosphäre szenisch so zu untermalen, dass die Protagonisten im Vordergrund in ihrem Spiel nicht nur unterstützt, sondern die gesamten optischen Reize zu einem Gesamteindruck verwebt wurden. Die Emotionen, welche die Aufführung beim Betrachter evozierten, sollten verstärkt und das Eintauchen in die imaginative Welt der Darbietung erleichtert werden.

Richard Fuchs kreierte mit Hilfe diverser multimedialer Projektionsmittel wie Dia, Film, Video, Licht und Sound eine komplexe, vielschichtige Parallel-Wirklichkeit, die zentral zur Wirkung des Performance-Theaters beitrug.

Diese Bühnenarbeit bildet eine Grundlage für die weitere Entwicklung des künstlerischen Werkes von Fuchs, der zunehmend emotionale und mythologische, aber auch naturnahe Dimensionen in seinem Werk verarbeitet. Noch heute begleiten Performances und der Dialog mit den darstellenden Künsten seine Ausstellungseröffnungen. Wie damals die Kulisse auf der Bühne, so scheinen Fuchs abstrakte Werke heute wie Angebote an den Betrachter, der diese mit all den Emotionen und Elementen deuten darf. Der Einzelne muss sich auf sie einlassen, um ihre Vielschichtigkeit zu erkennen. Die Bilder leben davon, dass man unterschiedliche Perspektiven dazu einnimmt, sich wirklich um den Bildträger bewegt. Die Farben beginnen dann zu changieren, das Licht verändert sich und zeigt neue Farbnuancen innerhalb des Werkes.



Der Farbraum

In der ungegenständlichen Malerei sind die Farben zentral, so auch in den Werken von Richard Fuchs. Sein besonderes Verhältnis zu ihnen wird dadurch unterstrichen, dass er die Farbpigmente selbst anmischt und diesen noch weitere Materialien beigibt, wie Sand und Marmormehl, Vulkanasche, Edelmetallpartikel, Erde oder Rost. Auf diese Weise werden die Farben plötzlich zum Träger weiterer Informationen, zu Zeugen der Natur und des unmittelbaren Eindrucks, den sie transportieren sollen. Als Betrachter wird man aufgefordert, die Oberflächen mit den Augen abzutasten, pastose Farbschichten von den Unebenheiten der organischen Materialien zu unterscheiden. Daraus ergibt sich ein Dialog zwischen der Handschrift des Künstlers und der direkten Naturerfahrung, die mittels der organischen Fundstücke in das Bild eingearbeitet sind.

Auf der einen Seite wird uns eine artifizielle, imaginierte Welt durch den Künstler offenbart: Der expressive Farbauftrag umhüllt die Leinwand und erzählt von Dynamik, Unmittelbarkeit und vom künstlerischen Prozess. In einzelnen Momenten wiederum beruhigt sich der Strich und verwandelt die Leinwand in eine Farblandschaft. Die Bilder wirken nun wie Meditationen und erzählen von Konzentration, Kontrolle und Struktur. Im Farbraum werden also in den verschiedenen Wirklichkeitsebenen Form und Wahrnehmung verdichtet.

Es ist lange bekannt, dass von Farben eine bestimmte emotionale Wirkung ausgeht und die jeweilige Komposition diese verstärken kann. In der Kunstgeschichte haben Künstler zu allen Zeiten mit Farben experimentiert, um ihre Wahrheiten und Geschichten zu transportieren. Richard Fuchs zeigt sich von dieser Historie beeinflusst und reiht sich in diese Genealogie ein. Insbesondere die Künstler aus dem amerikanischen Color Field Painting

haben sich in ihren großflächig, homogen gefüllten Farbfeldern mit den Schwingungen, Wirkungen und Temperamenten von Farben auseinandergesetzt. Diese Kunstrichtung entwickelte sich Mitte der 1950er Jahre in Amerika aus dem Abstrakten Expressionismus und hat als bekannte große Vertreter insbesondere die Künstler Mark Rothko, Barnett Newman (Who‘s afraid of red, yellow and blue) und Clyfford Still. Neu war, dass die Werke nicht mehr politische oder weltliche Bezüge haben mussten, sondern alle Deutungen aus dem Malerischen selbst generieren durften – Kunst konzentrierte sich auf malerische Umsetzungen, Farbtiefen oder Höhen und den Dialog zwischen den einzelnen kompositorischen Mitteln.

Richard Fuchs fühlt sich dieser Tradition verbunden und folgt den malerischen Kompositionen: Seine Bilder sind stark empfundene Farbwelten, die sich unmittelbar durch das Auge des Betrachters tief in das Gemüt vorarbeiten.
Es sind durchdachte Farbräume, die keine Menschen oder Orientierungspunkte benötigen, sondern mit rein malerischen Gesten von Unmittelbarkeit, Energie oder Konzentration erzählen. In unserer Zeit, in der wir tagtäglich mit Bilderfluten zu unterschiedlichen Ereignissen überschüttet werden, sind seine Werke konzentrierte Meditationen, die unprätentiös Zeit und Raum malerisch verdichten. Der Betrachter darf – nein, soll sogar – in den Farbraum einsinken und hier den Alltag hinter sich lassen. Die Werke bilden eine Einladung, aus der realen Welt in einen konzentrierten, fast schon transzendentalen Zustand überzugehen.

Fuchs Bilder unterscheiden sich nur in einem signifikanten Punkt von seinen Vorbildern – sie haben anders als die Farbfeldmaler sehr wohl ein kompositorisches Zentrum: die Horizontlinie.





Der Horizont

Der Horizont ist der dünne Streifen, der sich bildet, wenn Himmel und Erde aufeinandertreffen. Ein Nicht-Ort, der viele Mythen und Spekulationen darüber, was hinter dem Horizont liegt, hervorgerufen hat. Im Anbeginn der Seefahrt dachte man, dass die Welt hinter dieser dünnen Line aufhöre und für keinen Menschen willkommen sei. Aber es ist auch ein Ort, der Sehnsüchte weckt, der Menschen animiert, Abenteuer zu wagen und vielleicht das umzusetzen, wozu sie von ihrer Imagination eingeladen werden.

Richard Fuchs Werke sind auf den ersten Blick ungegenständlich abstrakt, aber bei näherer Beobachtung erkennen wir die Horizontlinie als Orientierung. Während er sich auf verschiedene Weise oberhalb und unterhalb der Linie mit dem Farbraum auseinandersetzt, ist es doch die Horizontlinie, die den Werken ihre Weite gibt. Für den Bildaufbau ist diese Linie essentiell, denn sie dient als Verbindungslinie zwischen der Abstraktion des Bildraumes und der Gegenständlichkeit, die durch die Einhaltung der natürlichen Perspektive aufrechterhalten wird.

Die Horizontlinie in den Werken bringt zusätzlich eine Form von Narration ins Spiel, die für ungegenständliche Malerei ungewöhnlich ist. Der Horizont erscheint als Meditation für ein „Dahinter“ des Farbraumes, eine tiefere Wahrheit, die erst durch den Betrachter komplettiert werden kann. Wohin führt uns der Horizont? Was erwartet uns dort?

Die Bilder entziehen sich einer deutenden Weltordnung oder geben uns Aufschlüsse, wie diese Linie erscheinen soll, aber der Betrachter kann dort einsinken und diesen Nicht-Ort mit eigenen Gedanken füllen. Die umliegenden Farbfelder geben dem Betrachter eine Art Hilfestellung, wie der Horizont in Beziehung zur Farbwahl, dem Pinselduktus und der Expressivität erscheinen soll.





Typografie im Farbraum: Inspiration Graffiti

Ein zusätzliches Element in den Werken von Richard Fuchs sind Begriffe oder kurze Sätze, die in den Kompositionen erscheinen. Wie ein Stör-element taucht plötzlich ein „Epizentrum“ oder eine „Infektion der Persönlichkeit durch Identifikation“ auf. Der Künstler ist vom Graffiti und der Streetart inspiriert und wendet Techniken dieser Kunstform an: Schablonen. Diese bringt er auf dem Bildträger auf und sprüht die Wörter, die von seinen Naturerfahrungen herrühren – manchmal in lesbarer Form. Andere Male erscheint nur noch das Echo von Wörten oder Wortfetzen, gespiegelt, unscharf oder auf den Kopf gestellt.

Graffitis im öffentlichen Raum dienen dazu, den Künstlernamen, den Tag, bekannt zu machen. Je gefährlicher der Ort, umso mehr Wagemut und Anerkennung werden ihm zugesprochen. Einer ähnlichen Technik bedient sich Fuchs: Die Wörter erscheinen wie Infektionen der Bilder, sie tauchen an Stellen auf, die irritieren und dadurch verstärkt wahrgenommen werden. Text und Bild verbinden sich nicht, sondern führen einen Kampf um die Aufmerksamkeit des Betrachters.

Wie das Graffiti im öffentlichen Raum gegen eine ganze Flut von Sinnesreizen ankommen muss, schafft es Fuchs in seinen Werken, durch die Anwendung dieser Techniken provokant aufzutreten, um vom Betrachter wahrgenommen zu werden. Die Textfragmente des Künstlers befinden sich auf einer ähnlichen Energiestufe wie seine abstrakten expressiven Farbkompositionen.

Die merkwürdig erscheinenden Wörter ziehen den Betrachter sofort in den Bann und erzeugen Narration. Man ist aufgefordert zu reagieren, den Sinn zu erforschen und die Begriffe einzuordnen. Die Typographie erweist sich so als weitere Schicht im Kompositionsaufbau.

Anabel Roque Rodríguez